WENN LIEBE WELLEN SCHLÄGT

WENN LIEBE WELLEN SCHLÄGT

Die Geschichte über ein Boot,
das Visionen beflügelt

VON SANDY STRASSER

(Veröffentlicht in Das Produktkulturmagazin Ausgabe 1 2014)

Wir schreiben das Jahr 1936: Im schottischen Fairlie sind Konstrukteure gerade am Bau eines Bootes, das später einmal als eine der bekanntesten Segelyachten in die Geschichte eingehen wird – die „Eilean“. Eine 22 Meter lange, klassische Bermuda Ketch, die durch ein nach achtern angeordnetes Hauptsegel und eine schmale und elegante Wasserlinie besticht. Der Entwurf für die Yacht stammt von dem damals achtzigjährigen William Fife III., Familienmitglied der berühmten Bootsbaudynastie Fife, und seinem Neffen Robert Balderston. Gemeinsam tüfteln sie an einem Boot, das bis heute Segler auf der ganzen Welt fasziniert. Auch der Geschäftsführer der italienischen Traditionsuhrenmanufaktur Panerai Officine, Angelo Bonati, ist dem Charme der Eilean verfallen. Er war es, der das Boot 2006 vor dem Verfall rettete und anschließend in liebevoller Restaurationsarbeit wieder zum Leben erweckte.   

Dass der junge William Fife III. irgendwann in die Fußstapfen seines Vaters treten würde, zeichnet sich schon früh ab. Bereits im Alter von gerade einmal 14 Jahren beginnt er eine fünf Jahre dauernde Lehrzeit in der väterlichen Werft, die sein Großvater 1790 gegründet hatte. Nach seiner Ausbildung arbeitet William 15 Jahre in den Werften J. Fullerten & Co. sowie Culzean Yacht & Steam Launch. 1886 kehrt er schließlich nach Fairlie zurück und übernimmt den elterlichen Betrieb. Wenige Jahre später verfügt die familiengeführte Werft bereits über die Voraussetzung, Yachten in der Kompositbauweise zu bauen, bei der Stahl- anstelle von Eisenspanten für den Rumpf zum Einsatz kommen. Die zahlreichen Regattaerfolge der von William Fife III. konstruierten Boote machen ihn schon bald zu einem der besten Yachtkonstrukteure seiner Zeit. Doch dass die Eilean einmal eines seiner bekanntesten Werke werden würde, ahnt zu dieser Zeit niemand. Es dauert über ein Jahr, bis die Eilean zu Wasser gelassen wird. Unzählige Stunden harter körperlicher Arbeit stecken in diesem Boot, dessen erste Eigentümer die Gebrüder James V. und Robert W. Fulton aus Greenrock werden. Beide sind leidenschaftliche Segler und Mitglieder des Royal Gourock Yacht Club. Nutzen können sie die Eilean tragischerweise jedoch nur kurze Zeit, denn beide fallen im Zweiten Weltkrieg. Ab dieser Zeit bis Mitte der siebziger Jahre ist wenig über die Reisen der Eilean bekannt. Lediglich eine Liste ihrer bis dato früheren Eigentümer gibt Aufschluss über ihren Verbleib.

1970 übernimmt John Shearer das Steuer der Eilean. Der Architekt war schon als Kind auf ihr gesegelt und macht das Schiff von nun an zu seinem Wohnsitz und baut sie zu einer der beliebtesten Charter-Yachten in der Karibik um. Ihr Heimathafen ist ab sofort English Harbour, eine kleine idyllische Bucht auf der Karibikinsel Antigua. In den kommenden Jahren segelt er die Eilean insgesamt 14-mal von der Karibik über den Atlantik nach Europa und wieder zurück. Bei einer dieser Reisen, die in Porto Cervo beginnt, beschädigt jedoch eine aufgelaufene Fähre das Schiff vor der Küste Malagas. Trotzdem schafft es die Eilean bis in die Karibik. Dort angekommen muss sie sich zunächst größeren Restaurierungsarbeiten unterziehen. Shearer macht dazu einen alten Schlepper wieder flott und legt ihn neben der Eilean vor Anker. Ausgestattet mit Schweißgeräten, Drehbank und Fräsen, ist das Schiff ab sofort nicht mehr nur Wohnsitz, sondern gleichzeitig private, schwimmende Werkstatt. 1993 werden die Restaurierungsarbeiten in einem französischen Dokumentarfilm mit dem Titel „Les dernières pirates de la liberté – Die letzten Piraten der Freiheit“ festgehalten.

Doch auch in den darauffolgenden Jahren reißen die Instandhaltungsmaßnahmen nicht ab und Shearer ist bald am Ende seiner technischen und finanziellen Möglichkeiten angelangt. Der Bruch eines Festmastpollers lässt das Boot schließlich teilweise sinken. Die Eilean scheint nicht mehr zu retten.

2006 nimmt das Schicksal jedoch eine positive Wendung. Auf einer Reise in die Karibik entdeckt Angelo Bonati die Eilean im Hafen Antiguas. Die Yacht ist von Dickicht überwuchert und bereits ziemlich heruntergekommen, doch Bonati ist von ihrer weichen Silhouette fasziniert. Er entschließt sich kurzerhand, das Boot im Namen von Panerai Officine zu erwerben, um es dann in zeitaufwendiger Handarbeit zu restaurieren. Die Eilean soll künftig als Bühne seiner kreativen Visionen und schöpferischen Gedanken dienen. Beflügelt von dieser Idee wird die Eilean in die Werft von Francesco Del Carlo nach Viareggio in Italien überführt. Mit wachsamem Auge begleitet Bonati die mehr als zweieinhalbjährige Restaurierung. Fortwährend den Traum vor Augen, dass dieses Boot eines Tages zum Symbol geschichtsträchtiger und traditionsreicher Handwerkskunst werden würde. Um die notwendigen Maßnahmen für dieses Vorhaben vornehmen zu können, muss die Eilean allerdings nahezu vollständig in ihre Einzelteile zerlegt werden. Vieles muss in den kommenden Monaten in präziser Feinarbeit an Ort und Stelle angepasst werden. Die bereits beim Bau gewählte Kompositbauweise kann glücklicherweise beibehalten werden, ebenso wie die gesamte Teakholz-Beplankung. Und auch der in das Holz am Spiegelheck eingravierte Name Eilean, was auf Gälisch so viel wie „kleine Insel“ bedeutet, bleibt erhalten. Einen zeitgemäßen Kompromiss geht man allerdings ein: Statt eines Dieselgenerators sorgen bei Flaute von nun an zwei Dieselmotoren für genügend Antrieb.

Am 22. Oktober 2009, nach geschätzten 40.000 Arbeitsstunden, ist es dann soweit: Die Eilean erstrahlt in ihrem ursprünglichen Glanz und wird im Rahmen einer Zeremonie in La Spezia feierlich an Officine Panerai übergeben. Für Angelo Bonati ein besonders bewegender Moment. Hat er doch mit der Rettung der Eilean ein bedeutendes maritimes Erbe vor dem Verfall und damit vor dem Vergessen bewahrt. Schöner kann eine Liebeserklärung an ein Boot nicht sein.

ANGELO BONATI 

Angelo Bonati wurde 1951 in Mailand geboren. Schon in seiner Kindheit faszinierten ihn Uhren. Als kleiner Junge zerstörte er zu Hause die Tischuhr, um zu verstehen, wie eine Uhr funktioniert. Mit 14 Jahren bekam er seine erste Uhr: eine Longines. Sein Wirtschaftsstudium absolvierte Bonati an der katholischen Universität „Sacro Cuore“ in Mailand. 1980 trat er der Vendôme Gruppe bei und wurde Vertriebschef für den italienischen Markt verschiedener Luxus-Marken. 1987 wurde er Vertriebs- und Marketingchef für Cartier Italien. Weitere namhafte Luxusmarken folgten. 1997 bekam er die Möglichkeit, zu Vendôme zurückzukehren und die Uhrenmarke Officine Panerai aufzubauen. Seit 2000 hält er die Position des Vorstandsvorsitzenden inne.

panerai.com

Picture credits © Martin Raget


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