VISIONÄR UNSERER ZEIT

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Ein Portrait über Meister-Designer Michele De Lucchi

VON DR. STEFAN POLLAK  & SANDY STRASSER

(Veröffentlicht in Das Produktkulturmagazin Ausgabe 1 2015)

Dass die gelenkige Büroleuchte Tolomeo, die auf den Schreibtischen vieler designverliebter Manager zu sehen ist, italienischen Stil-Ursprungs ist, kann man erahnen. Aber haben Sie gewusst, dass es demselben Designer zu verdanken ist, dass wir unsere Fahrkarten der Deutschen Bahn anstatt an biederen, dunkelgrauen Schaltern in angenehm hellen Reisezentren kaufen können? 

Der italienische Architekt und Designer Michele De Lucchi hat sich in seiner Laufbahn vom alltäglichen Gebrauchsgegenstand bis zum repräsentativen Regierungsgebäude nahezu jeder Entwurfsaufgabe gestellt. Dabei hat er immer wieder Position bezogen und die Welt, die ihn umgibt, stets neu definiert.

Schon als Architekturstudent in Florenz ist er Bewegungen wie „Cavart“ oder „Alchymia“ beigetreten, die die nicht nur im Bauhaus-geprägten Deutschland als unumstößlich geltende Design-Devise „Form folgt Funktion“ offen in Frage stellten. Ende der Siebzigerjahre folgte De Lucchi seinen älteren Kollegen Alessandro Mendini und Ettore Sottsass nach Mailand, wo sie die Gruppe „Memphis“ gründeten. Der Name, der schnell zum Markenzeichen wurde, kann sowohl in Anlehnung an die antike ägyptische Hauptstadt als auch an den Wohnort Elvis Presleys verstanden werden. Genau diese Verbindung von Hoch- und Trivialkultur sollte den Mailänder Designern mit ihren farbenfrohen und oft ironischen Möbeln gelingen.

Sottsass hat für Memphis Bücherregale entworfen, die an aztekische Schreine erinnern, aus De Lucchis Feder stammen Leuchtobjekte, die Hauptrollen in Zeichentrickserien übernehmen könnten, und Martine Bedin fügte dem Sortiment Lampen hinzu, die wie Spielzeug aussehen. Dies als Augenzwinkern an die Adresse von Warhols Suppendosen oder als europäische Antwort auf die klassizistische Disney-Architektur eines Micheal Graves zu verstehen, wird dem Phänomen dennoch nicht gerecht.

Gerade die Entwürfe De Lucchis haben durchweg sehr solide technische Grundlagen. Sein tiefes Verständnis handwerklicher und industrieller Produktionsabläufe erlaubt es ihm unter anderem, erfolgreiche Design-Ideen komplett neu zu entwickeln und selbst zu Klassikern zu machen. Die für „Artemide“ entwickelte Tolomeo ist dabei zum neuen Standard für Gelenkleuchten geworden. Sie ist im Prinzip Vorgängern wie der norwegischen „Luxo L-1“ nachempfunden, aber in Stil und Materialwahl komplett revolutioniert. Auch bei neueren Modellen wie etwa der Hängeleuchte „Melathron“ kokettiert der Entwerfer mit großen Vorbildern – in diesem Fall dänischem Lichtdesign aus dem 20. Jahrhundert.

Manchmal ist der Verweis auf bewährte Ikonen nur angedeutet. Man kann nur vermuten, dass die Form des Schrankmoduls „Layout“ tatsächlich als Hommage an die freiförmigen Glasvasen des Finnen Alvar Aaltos gedacht war. Sicher ist aber, dass Michele De Lucchi auch hier die aktuellen Herstellungsmöglichkeiten voll ausschöpft. Die Wände des Schrankelements sind aus extrudierten Aluminium-Paneelen. Durch ihre Wellenform steifen sie sich selbst aus.

Die Formensprache, die De Lucchi bei solchen Arbeitsprozessen entwickelt, ist aber keineswegs von technischen Zwängen geprägt. Im Gegenteil; gerade in seiner ersten Schaffensphase war es ihm wichtig, den rein industriellen Funktionalismus zu überwinden und für mehr Entwurfsfreiheit zu plädieren. Der 1983 entwickelte Stuhl „First Chair“ zelebriert die Entwurfs-Geste regelrecht: Arm- und Rückenlehne sind ersetzt durch einen Reif, der die Sitzfläche wie einen Satelliten zu umkreisen scheint. Es gehört eine gute Portion Ironie dazu, den sitzenden Nutzer eines Stuhles als Zentrum eines Sonnensystems in Szene zu setzen.

So entstehen Entwürfe, deren Entstehungsprozess sehr eng mit dem verarbeiteten Material verbunden ist, sich aber dann bald beim Sprung von einem Maßstab in den anderen emanzipiert. Rechtecke unterschiedlicher Größe, die sich zu flächendeckenden Kompositionen zusammensetzen, oder Volumen, die von geschwungenen Mantelflächen umgeben werden, finden sich in allen Maßstäben wieder, von der kleinen Holzskulptur bis zum Ministeriumsgebäude.

Dass gerade der Meister des Kunststofffurniers, bei dem letztlich das äußere Ansehen wichtiger ist als das Kernmaterial, seine Entwürfe am liebsten aus der Verarbeitung von traditionsreichen, ehrlichen Materialien wie Hartholz, Eisen oder Glas entwickelt, mag zunächst überraschen. De Lucchi hat aber nie einen Hehl aus seinem Interesse an handwerklicher Arbeit gemacht; sie ist für ihn die Grundlage des Experimentellen. Schon seit 1990 hat er daraus die Linie „Produzione Privata“ entwickelt, in der unter seiner Ägide verschiedene Kunsthandwerker Leuchtkörper und Gebrauchsgegenstände in Kleinstserien oder als Einzelstücke produzieren. Wenn der bärtige Mann aus der Großstadt ab und an selbst Hand mit anlegt, entstehen Szenen, die einem anderen Jahrhundert angehören könnten – und doch sind die entstehenden Objekte eindeutig in unserer heutigen, modernen Zeit zu Hause. Das ist für De Lucchi kein Widerspruch.

Wenn jemand das gesamte Spektrum vom Kunsthandwerk über das Produktdesign bis zur Architektur auf so hohem Niveau praktiziert wie er, dürfen Setzkästen wie Häuser und Bürogebäude wie Vasen aussehen, ohne an Kraft zu verlieren. Und so kommt es auch, dass in De Lucchis Mailänder Büro Architekturen entworfen werden, deren Formensprache direkt aus der Handwerksarbeit entstanden zu sein scheint, obwohl die technischen Herausforderungen oft auf ganz anderer Ebene liegen.

Beim 2012 in Pforzheim fertiggestellten Bürogebäude „Il Tronco“ sagt schon der Name aus, dass die Konzeptidee auch aus einem Baumstamm geschnitzt sein könnte. In der Tat handelt es sich um einen klinkerverkleideten Stahlbetonbau. Die geschwungene Glasfassade, die das georgische Innenministerium in Tiflis umgibt, könnte von einem übergroßen Glasbläser geformt worden sein, obwohl Maßstab und Sicherheitsansprüche dennoch ein Hightech-Produkt daraus gemacht haben. 

Zwischen Michele De Lucchi und der jungen Kaukasusrepublik ist ein ergiebiger Austausch entstanden, der zur Realisierung mehrerer, zum Teil sehr großer öffentlicher Bauten geführt hat. Der Italiener wurde gewissermaßen zum Werbeträger für ein weltoffenes Georgien. Werke wie das Hotel „Medea“ in der Küstenstadt Batumi oder die Friedensbrücke in Tiflis zollen natürlich der internationalen Architekturszene Tribut. De Lucchi versteht es aber stets, die ins Spiel gebrachten Elemente jenseits ihrer Grundfunktion abzukanten, zu wölben, anzuschleifen und so sorgsam auszuarbeiten, als würde er sie an seinem Schraubstock in mühsamer Handarbeit herstellen.

Genau mit derselben Sorgfalt geht De Lucchi aber auch an die Arbeit, wenn es darum geht, zu analysieren und vorzudenken, wie in Zukunft Räume genutzt werden und wie Menschen leben werden. Besonders dem Thema Arbeitsplatz hat er seit jeher viel Aufmerksamkeit gewidmet.

Wie viele Zukunftsforscher waren sich noch vor einem knappen Jahrzehnt sicher, dass die Möglichkeit digital zu kommunizieren erst zum papierlosen Büro und letztlich zur Auflösung des Arbeitsplatzes selbst führen würde? Michele De Lucchi war durch seine enge Zusammenarbeit mit Firmen aus der Informatik- oder Elektronikbranche prädestiniert, an dieser Debatte teilzunehmen. 

Forschungsprojekte wie Workshop*, das er 1993 für Olivetti und Philips geleitet hat, haben schon sehr klar gezeigt, wie die aufkommenden Kommunikationsmittel die Art zu arbeiten tiefgreifend verändern werden. De Lucchis Team erkannte aber sehr bald, dass der Arbeitsplatz als solcher nicht verschwinden wird. Selbst wenn es schon heute immer öfter geschieht, dass Büroarbeit von zu Hause erledigt wird und dass Geschäftsmeetings im Café oder sogar auf der Parkbank stattfinden, so hat doch der Arbeitsplatz als Epizentrum dieser Tätigkeit sogar an Wichtigkeit zugenommen. In Zukunft wird die soziale Funktion dieser Aufteilung noch stärker. Wir werden prinzipiell alles von zu Hause erledigen können, aber ins Büro fahren wir, um Kontakte zu pflegen, gewissermaßen um sozial aktiv zu werden oder wie De Lucchi sagen würde, um Mensch zu werden.

Nachhaltiges Design auf einer anderen Bewusstseinsebene – 
Interview mit Michele De Lucchi

Woher rührt Ihre Liebe zum Design?

Michele De Lucchi: Die Entscheidung, Architekt zu werden, entsprang meiner Leidenschaft für das Zeichnen. Denn hier verschmelzen zwei essentielle Aspekte der Kunst miteinander. Auf der einen Seite ist es die Herausforderung, sich neue Dinge auszudenken, und auf der anderen Seite sind intelligente Lösungen zu entwickeln, die sich auf die anschließende Produktion beziehen.

Was drücken Ihre Werke aus? Welche Botschaft möchten Sie damit aussenden?

m. D. L.: Ich versuche mit meinen Arbeiten den Zeitgeist unserer Gesellschaft einzufangen, zu interpretieren und auf deren Bedürfnisse zu reagieren. In unserer heutigen Gesellschaft diskutieren wir zum Beispiel die Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Das ist eine gute Sache, und es macht mich optimistisch und stolz zugleich, mit meiner Form der Kunst diese Botschaften in die Welt hinaustragen zu können.

Was beflügelt Ihre Fantasie, wenn Sie ein neues Projekt starten?

m. D. L.: Ich finde die Referenzen meiner Bildwelten in der Kunst, in der Natur und in allen Materialien, die nützlich sind, um die eigene Fantasie anzuregen und Modelle zu schaffen. Denn die Tätigkeit des Architekten wird stark von Bildern angeregt. Daher versuche ich stets, die Kultur der Bilder zu pflegen, mich von neuen Trends inspirieren und von Projekten meiner Kollegen immer wieder aufs Neue überraschen zu lassen. Die Natur ist dabei meine größte Inspirationsquelle. Denn ihre Vollkommenheit liegt in ihren kleinen Makeln. Das ist, was mich interessiert und begeistert.

Was ist Ihrer Meinung nach „gutes“ Design?

m. D. L.: Design muss unbedingt symbolischer Wert innewohnen. Es darf nicht nur einen rein funktionalen Wert haben, sondern muss zeitlos bestehen. Damit will ich nicht sagen, dass ein Design, das eine gewisse Direktheit interpretiert, keine Qualität hat, sondern dass diese beiden Qualitäten keine Gegensätze sind. Sie repräsentieren vielmehr zwei Aspekte des Tuns, die zur richtigen Zeit beginnen und sie im besten Falle überdauern. 

Was schätzen Sie an traditionellem Handwerk?

m. D. L.: Handwerker haben eine große Freiheit: Sie können es sich leisten, Fehler zu machen. Denn im Handwerk kann jeder Fehler eine Gelegenheit sein, Erfahrung aufzubauen und noch besser zu werden. In der Industrie ist das Gegenteil der Fall. Hier sind Fehler sehr gefährlich, weil sie der ganzen Gesellschaft schaden können. Das Kunsthandwerk ist für uns Architekten und Designer der einzige Bereich, in dem wir in völliger Freiheit experimentieren können. Dabei werden wir aber von dem außerordentlichen Erfahrungsschatz der handwerklichen Kultur getragen.

Wie denken Sie über industriell gefertigte Ware aus Massenproduktion?

m. D. L.: Eine der großen Qualitäten, die die Industrie definitiv bietet, ist die Möglichkeit, viele Dinge stets zur Verfügung und damit eine große Wahlfreiheit zu haben. Wir können uns entscheiden, für was auch immer wir möchten, und wir tun es die ganze Zeit. Diese Freiheit und die ständige Verfügbarkeit sind der Nährboden, auf dem die Industrie wächst, durch die wir uns am Ende selbst verbessern.

Gibt es eine Person in Ihrem Leben, die Sie inspiriert? Wenn ja, welche und warum?

m. D. L.: Ich hatte zwei Lehrer, Ettore Sottsass und Achille Castiglioni. Sie brachten mir bei, ein Projekt auf zwei Arten anzugehen. Ettore arbeitete durch Addition, indem er ein Stück auf das andere setzte, immer mit dem Stift in der Hand. Achille, mit zerbrochenem Bleistift, liebte es abzuschweifen. Er lehrte mich, sich nicht davor zu scheuen, geistig auf eine neue Ebene zu kommen und mit wachem Blick Dinge zu sehen und zu analysieren. Er zeigte mir außerdem, wie man sich von der Ironie inspirieren lässt, bei der man oftmals scheinbar marginale Aspekte diskutiert.

Von welchem designtechnischen „Milestone“ würden Sie sagen, dass er unsere moderne Gesellschaft maßgeblich geprägt hat?

m. D. L.: Als Designer und Architekt mag ich es, aufzuzeigen, wie schön die Dinge und Produkte sind, die nicht von Architekten kreiert wurden. Anonyme Objekte, die für jeden von uns Teil des täglichen Lebens sind. Ich meine damit beispielsweise den Liegestuhl, den Sonnenschirm, die Knöpfe, die Schere, die Wäscheklammern und vieles mehr in seiner typischen Verwendung, wo nichts fehlt und nichts zu viel ist.

Wie muss man im Hinblick auf die zunehmende Verschmelzung von Technik und Lifestyle Design künftig denken?

m. D. L.: Der Designer ist die Schnittstelle zwischen der technologischen Kraft und dem Menschen. Er kann sich durch Artefakte oder theoretische Überlegung zum Ausdruck bringen, aber die Aufgabe des Designers bleibt die immer Gleiche: für die Welt zu arbeiten, einen Mehrwert für die Gesellschaft zu generieren.

amdl.it

Picture credits © Michele De Lucchi


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