NACH DEN DROHNEN KOMMT DIE GLASKUGEL

NACH DEN DROHNEN KOMMT DIE GLASKUGEL

Amazon und seine Idee vom
„anticipatory-shipping"-System

VON CLAUDIA PELZER

(Veröffentlicht in Das Produktkulturmagazin Ausgabe 1 2014)

Amazon lässt nichts unversucht, die internen Bestellprozesse weiter zu optimieren und gleichzeitig seinen Kunden die Order so einfach und attraktiv wie möglich zu machen. Während die Öffentlichkeit immer noch über den Einsatz von Flugdrohnen zur Paketauslieferung staunt, machen nun Gerüchte über ein „anticipatory shipping“-System die Runde, bei dem die Lieferung schon auf dem Weg zum Kunden sein soll, bevor der sie überhaupt bestellt hat. 

Was aber ist wahr an den Gerüchten – und wäre ein Versand auf Basis einer Zukunftsprognose überhaupt sinnvoll? Fakt ist, dass der Versand-Riese bereits ein entsprechendes Patent angemeldet hat. In diesem heißt es, manche Kunden würden unter anderem deshalb auf eine Bestellung verzichten, weil sie die Ware nicht sofort bekommen könnten. Amazon will dem nun vorbeugen, indem Waren schon vorab in Gebiete transportiert werden, in denen sie mit hoher Wahrscheinlich bald bestellt werden. Bei Neuerscheinungen von populären Produkten wie Büchern oder Spielekonsolen könnte sich das Verfahren durchaus lohnen. Was auf den ersten Blick etwas nach Orakeln aussieht, ist also letztlich Wahrscheinlichkeitsrechnung. Und je mehr ein Versandunternehmen wie Amazon über seine Kunden und deren Vorlieben weiß, desto besser lassen sich Lieferungen vorbereiten. 

Die Überlegung reiht sich quasi nahtlos in aktuelle Innovations-Bestrebungen ein, zumal Amazon bereits mit der Ankündigung einer flächendeckenden Nutzung von Lieferdrohnen für Furore sorgte. Firmen-Chef Jeff Bezos hatte kürzlich in einer US-Fernsehsendung bekannt gegeben, dass Bestellungen mit „Amazon Prime Air“ bereits innerhalb von 30 Minuten beim Kunden sein könnten. Ausgerüstet mit GPS würden die unbemannten Flugobjekte ihr Ziel selbst finden und ansteuern. Bezos, der sich selbst als Optimist bezeichnet, geht von einer Inbetriebnahme in 2015 aus und prognostiziert, die Drohnen wären bald aus dem Straßenbild nicht mehr wegzudenken. Eine Hürde, die es bei diesen Plänen – optimistisch oder nicht – noch zu überwinden gilt, ist allerdings die erforderliche Freigabe der Luftfahrtbehörden. Sowohl in den USA als auch in Deutschland zeigen diese sich bislang noch wenig nachgiebig und weisen auf Sicherheitsbedenken hin. Aus Marketinggesichtspunkten war die Ankündigung der innovativen Liefermethode allerdings jetzt schon ein voller Erfolg. Ist das Projekt „anticipatory shipping“ also ähnlich geartet – nur eine geschickte Kommunikationskampagne? Oder ist dieses Patent tatsächlich die Zukunft der Logistikbranche?  

Realistisch betrachtet liefert Amazon unter heutigen Bedingungen bereits schnell aus. Für einige Kunden scheint schnell aber trotzdem nicht schnell genug. Das Digital-Zeitalter und die On-Demand-Kultur haben uns in der Tat verwöhnt. Nur wenige Klicks trennen uns von einem Download. Physische Lieferzeiten passen da schlecht ins Bild der permanenten Verfügbarkeit. Insbesondere bei Artikeln, die per se einen Hype erzeugen – wie beispielsweise den neuestens Gadgets – will jeder der Erste sein, der das Objekt der Begierde in Händen hält. Ein bis drei Tage Standard-Lieferzeit können da schon verdammt lang erscheinen. Der „vorausschauende Versand“ kann diesen digital-analogen Gap zwar nicht vollkommen verschwinden lassen, ihn aber zumindest verringern. 

Neben den bisherigen Bestellhistorien der Kunden kann Amazon auch deren Wunschlisten, Produktsuchen und angeblich auch die Verweildauer auf einzelnen Produktseiten auswerten und für den Vorab-Versand nutzen. Je genauer die Persönlichkeitsmuster der potentiellen Besteller bekannt sind, desto eher können die Produkte in ein Logistikzentrum in der Nähe der Zieladresse gebracht werden und desto schneller erhalten die Kunden nach tatsächlicher Order die gewünschten Waren. Kritiker fürchten den finalen Schritt zum gläsernen Nutzer, Befürworter schwärmen dagegen von der userfreundlichen Optimierung der Lieferzeiten. In einer Branche, in der Geschwindigkeit bares Geld ist, liegt die Wahrheit wahrscheinlich irgendwo dazwischen. 

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CLAUDIA PELZER

Claudia Pelzer ist Medien-Ökonomin, Bloggerin (crowdsourcingblog.de), Autorin und promoviert zum Thema „neue Arbeitsformen für Kreativarbeiter“. Sie berät Konzerne und Agenturen bei der strategischen Umsetzung von kollaborativen Arbeits- und Geschäftsmodellen sowie Open-Innovation-Ansätzen und baut derzeit das UFA lab (ufa-lab.com) in Köln auf. Sie hat einen Klout Score von aktuell 64. 

amazon.com/b?node=8037720011

Picture credits © Karen Moskowitz/Corbis Outline


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