MENSCHLICHKEIT ALS LEITKULTUR

MENSCHLICHKEIT ALS LEITKULTUR

Die GLS Bank und ihre Unternehmensphilosophie

VON SANDY STRASSER

(Veröffentlicht in Das Produktkulturmagazin Ausgabe 2 2014)

Wer sich als Unternehmen erfolgreich am Markt positionieren will, muss gewinnorientiert denken und handeln. Eine alte wie simple Rechnung. Doch es ist nicht nur das Streben nach Gewinn, das über den langfristigen Erfolg entscheidet. Die Werte, die ein Unternehmen vertritt, und seine gesellschaftliche Funktion sind wesentliche Faktoren, wenn es um die Akzeptanz oder gar Solidarität seitens der Kunden geht. Doch was hat Einfluss auf eine positive Wahrnehmung? Und welche Bedeutung hat dabei die Philosophie eines Unternehmens? Wir haben mit Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Bank, gesprochen.

Die GLS Bank ist die erste sozial-ökologische Universalbank der Welt. Seit 40 Jahren verbinden Sie professionelles Bankgeschäft mit verantwortungsvollem Handeln. Wie muss man sich dieses Geschäftsmodell konkret vorstellen?

Thomas Jorberg: Zunächst einmal verstehen wir uns als Bank, die die Aufgaben erfüllt, die Banken im ganz klassischen, ursprünglichen Sinne haben. Wir benutzen gerne das Bild der Brücke: Auf der einen Seite des Ufers stehen Menschen mit tollen Ideen, denen aber das Geld fehlt, diese umzusetzen. Am anderen Ufer stehen diejenigen, die Geld haben und es weitergeben wollen. Die Bank ist die Brücke zwischen diesen beiden Gruppen. Als Genossenschaftsbank sehen wir dabei unsere Mitglieder als die Brückenpfeiler, denn sie sorgen dafür, dass wir stabil und ruhig im Fluss stehen können. Für die GLS Bank kommt zu dieser klassischen Bankaufgabe eine wichtige Zutat hinzu: Wir sind sozial-ökologisch ausgerichtet. Das bedeutet, dass die Projekte, die wir finanzieren, nicht nur ökonomisch sinnvoll sein müssen, sondern vor allem dem Nachhaltigkeitsgedanken Rechnung tragen sollen. Und das geht in ganz vielen verschiedenen Bereichen – ob es nun das ökologisch ausgerichtete Wohnprojekt, der Biobauernhof oder die freie Schule ist. Der Lauf der Jahre hat bewiesen: Mit diesem Geschäftsmodell kann man erfolgreich sein. Wir wachsen kontinuierlich und sind mittlerweile eine vollwertige Hausbank.

Ihr gesamtes Bankgeschäft beruht auf sozialen sowie ökologischen Kriterien, die Ihr Investitions-, Anlage- und Finanzierungsgeschäft prägen. So können Neukunden bei der ersten Kontoeröffnung angeben, in welchem Bereich ihr Geld bevorzugt weitergegeben werden soll. Welche Sektoren gibt es und für welchen entscheiden sich die meisten?

T. J.: Die GLS Bank finanziert Projekte in fünf Branchen und deckt damit das gesamte Spektrum der menschlichen Bedürfnisse ab. Im Bereich Energie geht es natürlich um regenerative Energieerzeugung und -versorgung. Die Branche Ernährung deckt im Sektor der Lebensmittel vom Biobauern bis zum Bioladen alle Stationen der Lebensmittelversorgung ab. Beim Wohnen geht es um Wohnprojekte mit ökologischer Ausrichtung genauso wie um neues Denken des gemeinschaftlichen Wohnens. Im Bereich Soziales finden wir zum Beispiel Geburtshäuser oder Behinderteneinrichtungen. Und schließlich finanzieren wir in der Branche Bildung Kulturprojekte, freie Schulen oder Kitas. All diese Projekte vereint ihre nachhaltige Ausrichtung. Interessanterweise scheint es den meisten Kundinnen und Kunden dann auch so zu gehen, dass ihnen diese Garantie genügt. Wir bieten auch die Option an, dass die GLS Bank frei entscheidet, in welchen Bereich das Geld fließt, und etwa die Hälfte der Kunden entscheidet sich dafür.

Sie werben damit, dass Sie Projekte und Unternehmen positiv werten, wenn diese nachhaltige menschliche und zukunftsweisende Ziele verfolgen. Welche Beispiele gibt es hierzu?

T. J.: Jedes einzelne der von uns finanzierten Projekte ist dafür ein Beispiel. Wir möchten gesellschaftlichen Wandel erzeugen. Und der kommt dadurch zustande, dass es Menschen gibt, die aufstehen und vormachen: So geht es auch! Nehmen Sie die Biobranche: Vor zwanzig, dreißig Jahren waren die Biobauern in den Augen vieler Menschen noch eher verschrobene Eigenbrödler. Für die GLS Bank war der Biolandbau aber schon immer ein wichtiger gesellschaftlicher Bereich, in dem Menschen bewusst Verantwortung übernahmen. Denn uns war klar: eine ressourcen- und umweltschonende Landwirtschaft ist die einzig zukunftsfähige.

Auf größerer Ebene spielt diese Bewertung auch noch eine Rolle: Wir legen auch Geld an, zum Beispiel im GLS Bank Aktienfonds. Dafür gibt es das GLS Anlageuniversum. Ein intern und extern besetzter Ausschuss entscheidet hier nach strengen Positiv- und Negativkriterien darüber, ob bestimmte Unternehmen in dieses Universum aufgenommen werden. Dadurch können sich unsere Kunden sicher sein, dass sie nicht indirekt mit ihrem Geld an Waffenproduktion oder Menschenrechtsverletzungen beteiligt sind.

In speziellen Fällen unterstützt die GLS Bank das Engagement der Kreditnehmer durch eine besondere Kondition, die Kostendeckungsumlage. Dabei werden für die gesamte oder einen Teil der Finanzierung lediglich die Kosten für Personal- und Sachaufwand, ein Zinssockelbetrag und ein kleiner Zuschlag für die Abdeckung von Kreditrisiken in Rechnung gestellt. Wie funktioniert dieses Prinzip, ohne dass Sie am Ende Verluste einfahren?

T. J.: Wie Sie es im Prinzip in Ihrer Frage schon beschrieben haben: Das Modell trägt sich selbst. Zwar machen wir mit dieser Art der Finanzierung als Bank keinen Gewinn, wir machen aber auch keine Verluste, denn die direkten Kosten werden durchaus durch den Kredit abgedeckt.

Dem Thema Corporate Social Responsibility kann sich heutzutage kaum ein Unternehmen entziehen. Im Gegenteil, viele Firmen setzen bei der Pflege ihres Images gezielt auf diesen Schwerpunkt. Wie gehen Sie innerhalb Ihres Unternehmens damit um?

T. J.: Heutzutage werden die Begriffe CSR oder Nachhaltigkeit ziemlich überstrapaziert. Ein Unternehmen, das sich hierzu nicht äußert, verspielt Potenzial. Auf der einen Seite freut uns daher, dass CSR so wichtig geworden ist. Es ist der Beleg dafür, dass die Kundinnen und Kunden immer sensibler und aufmerksamer werden. Auf der anderen Seite ist es natürlich so, dass die Vorstellungen von Corporate Social Responsibility weit auseinanderliegen können und zwischen sehr hell- und dunkelgrün changieren. Letztlich ist uns aber wichtig, die eigenen Ziele umzusetzen: Für die GLS Bank steht immer der Mensch im Mittelpunkt. Daher haben wir die englische triple bottom line „people, planet, profit“ für uns mit „menschlich, zukunftsweisend, ökonomisch“ übersetzt. Das bedeutet im Klartext: Das Soziale steht im Mittelpunkt und muss so ausgerichtet sein, dass Ressourcen geschont werden. Damit ist aber keinesfalls Rückschrittlichkeit gemeint – es sind ja gerade moderne Entwicklungen wie etwa Photovoltaikanlagen, die hier Vorteile bringen können. Der dritte, ökonomische Aspekt ergibt sich aus unserer Sicht aus der ernsthaften Umsetzung der ersten beiden Punkte. Und ist folglich immer eine logische Konsequenz aus menschlichem und sozialem Handeln.

Ihre Mitarbeiter sind es, die im direkten Kundenkontakt die Philosophie Ihres Unternehmens nach außen tragen. Was tun Sie, um ihnen ihren Arbeitsplatz so angenehm wie möglich zu gestalten?

T. J.: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der GLS Bank sind natürlich eine sehr wichtige Gruppe. Viele von ihnen kommen aus persönlichem Idealismus zu uns, auf der Suche nach einem anderen Umgang mit Geld. Sie bilden eine wichtige Grundlage der Bankarbeit. Über verschiedene Plattformen, wie das monatliche Mitarbeiterforum, bieten  wir allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Möglichkeit, sich auszutauschen. Wenn ich da an die Anfänge der Bank zurückdenke, wo wir noch jeden Morgen kurz zusammenkamen und uns austauschen konnten, sind das natürlich heute andere Verhältnisse – bei 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird das einfach schwierig. Aber wir bemühen uns, durch diese Foren und andere Veranstaltungsformen einen Austausch aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig spielt auch das leibliche Wohl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine wichtige Rolle. Ob es um das erschwingliche und wirklich gute Bio-Essen in unserer Kantine, die Schreibtische, die man flexibel zu Stehpulten verstellen kann, oder den „gesunden Donnerstag“ geht, an dem wir Rückengymnastik und Massagen anbieten. Aus unserer Sicht kann nur ein Mitarbeiter, der zufrieden ist, auch eine gute Leistung für die Bank erbringen. Wir möchten uns nicht darauf ausruhen, dass die innere Motivation unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ohnehin schon recht hoch ist. Wichtig ist uns auch, dass alle gelegentlich sehen können, wofür sie ihre Arbeit machen: Die Projekte. Dafür organisieren wir „Mitarbeiter vor Ort“. Oder laden einige unserer Kreditnehmer zur großen Generalversammlung im Sommer ein. Hier können nicht nur Kundinnen und Kunden, sondern auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und generell Interessierte an der GLS Bank noch einmal ganz konzentriert und dezidiert erfahren, worum es der Bank eigentlich geht. 

Ihre Auszubildenden von heute sind Ihre Leistungsträger von Morgen. Welche Möglichkeiten bezüglich Weiterbildung und Qualifikation schaffen Sie ihnen im Rahmen ihres Angestelltenverhältnisses?

T. J.: Die Ausbildung bei der GLS Bank hat sich seit meiner eigenen Zeit als Auszubildender natürlich sehr verändert. Während früher noch Stationen bei anderen Banken üblich waren, um bestimmte Bereiche kennenzulernen, die die GLS Bank selbst noch nicht anbot, können wir als mittlerweile voll entwickelte Hausbank die Auszubildenden rundum begleiten. Uns ist wichtig, sie in diesen zweieinhalb Jahren nicht zu überfordern und ihnen Raum für die persönliche Entwicklung von Jugendlichen hin zu jungen Erwachsenen zu geben. Daher verzichten wir während der Ausbildung selbst auf zusätzliche Weiterbildungsmaßnahmen. Im Anschluss an die Ausbildungszeit fördern wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich weiterentwickeln möchten, aber sehr gerne. Da gibt es die verschiedensten Möglichkeiten, vom Fernlehrgang zum ecoanlageberater über die Fortbildung zum Bankbetriebswirt bis hin zu einem Studium an der Alanus-Hochschule.

Stichwort soziale Verantwortung: 2012 hat die GLS Bank Stiftung ihre Arbeit aufgenommen. Was hat es damit auf sich?

T. J.: Ob im direkten Kundenkontakt, bei Podiumsdiskussionen oder im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen von anderen Banken: Immer wieder fällt uns auf, dass die Menschen eigentlich gar nicht genau wissen, was da mit ihrem Geld passiert, wenn es vermeintlich auf ihrem Konto liegt. Wir sehen hier einen massiven Nachholbedarf. Geld ist ein gesellschaftliches Gestaltungsmittel. Aber dafür muss es erst einmal verstanden werden. Die GLS Bank Stiftung setzt genau da an. Ihr Ziel ist es, im Bereich der Finanzbildung neue Ansätze zu entwickeln und so den Umgang mit Geld noch einmal gesellschaftlich zur Diskussion zu stellen. Der zweite ganz wichtige Zweig des Engagements der GLS Bank Stiftung liegt im Bereich der Bürgernetzwerke und Bürgergenossenschaften, die aktiv für die Energiewende arbeiten.

Ihre Stiftung hat sich für die kommenden Jahre unter anderem die Erarbeitung von Unterrichts- und Lehrmaterialien für eine andere ökonomische Bildung an Schulen und Hochschulen auf die Fahnen geschrieben. Welche Partner stehen Ihnen hierbei zur Seite und wie werden Ihre Projekte finanziert?

T. J.: Die GLS Bank Stiftung finanziert sich daraus, dass Mitglieder der GLS Bank zum Beispiel einen Teil ihrer Mitgliedschaftsanteile auf die Stiftung übertragen. So ist die Stiftung einerseits durchaus aus den Gewinnen der Bank finanziert, andererseits aber vor allem durch die Menschen, die daran glauben, dass das Finanzwesen auf neue Füße gestellt beziehungsweise an seine ursprünglichen Wurzeln zurückgeführt werden muss: weg von Spekulationen und hin zu sinnstiftender Realwirtschaft. Als Stiftung sind wir noch relativ jung und gerade erst dabei, ein Netzwerk aufzubauen und feste Partnerschaften zu etablieren. 

Auch außerhalb staatlicher und privater Bildungseinrichtungen möchte sich Ihre Stiftung in den kommenden Jahren verstärkt in puncto Nachhaltigkeit einsetzen. Dazu zählen unter anderem Bürgernetzwerke, die sich wiederum für eine Demokratisierung der Energiewirtschaft stark machen. Wie sieht hier die Zusammenarbeit aus?

T. J.: Die Zusammenarbeit kann hier ganz unterschiedlich aussehen. Als Stiftung bieten wir natürlich auch finanzielle Unterstützung. Es kommt aber auch hinzu, dass die GLS Bank durch ihr jahrelanges Engagement im Bereich der Finanzierung von Erneuerbare-Energie-Projekten eine große Expertise in dieser Branche erworben hat. So können wir auch inhaltlich unterstützen und unsere Kontakte in die Netzwerke einbringen.

In einer bundesweiten Umfrage des Anlegermagazins „Börse Online“ und des Nachrichtensenders „n-tv“ wurde Ihr Geldinstitut vergangenes Jahr zum vierten Mal in Folge als „Bank des Jahres“ gewählt. Über 18.000 Teilnehmer gaben bei diesem Voting ihre Stimme ab. Was waren die ausschlaggebenden Kriterien für diesen Erfolg?

T. J.: Dieses Jahr wurden vor allem das Preis-Leistungsverhältnis sowie unsere Online-Kommunikation als Positivmerkmale hervorgehoben. Dass wir aber insgesamt den größten Zufriedenheitsgrad unter allen Mitbewerbern hatten, zeigt, dass wir auch im Allgemeinen Kunden haben, die sehr von unserer Arbeit überzeugt sind. Aus unserer Sicht ist das erneut ein klarer Beleg dafür, wie wichtig Werte eigentlich sind und wie stark sie die Zufriedenheit erhöhen. Das gilt für unsere Kunden, die genau wissen, was mit ihrem Geld passiert, und das honorieren. Es gilt aber auch genauso für unsere Berater, die freundlich und locker in ein Gespräch gehen können, weil sie nichts verkaufen müssen, sondern den Menschen unvoreingenommen begegnen können.

Als sozial-ökologische Bank sorgen Sie nicht nur dafür, dass umweltpolitische Themen verstärkt ins Gedächtnis der Menschen rücken, Sie fördern auch aktiv die Solidaritätsbereitschaft gegenüber ökonomisch schwächergestellten Menschen. Mit welchem Gefühl verlassen Sie nach Feierabend Ihr Büro?

T. J.: Natürlich sind die Aufgaben, die wir uns selbst gestellt haben, immens, sodass ich und wir alle hier jeden Tag vor vielen Herausforderungen stehen. Auch hier sind die Aufgaben im Laufe der Jahre immer vielfältiger und komplexer geworden. Und um gut zu sein, müssen wir uns ständig verbessern. Diesen Herausforderungen stelle ich mich mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der GLS Bank täglich gerne neu. Das lässt mich abends mit einem guten Gefühl nach Hause gehen – und morgen auch gerne wiederkommen!

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THOMAS JORBERG 

Thomas Jorberg ist Diplom-Ökonom und seit 2003 Vorstandssprecher der GLS Bank. Dort ist er unter anderem für die Bereiche Strategieentwicklung sowie Eigenanlage- und Vermögensmanagement verantwortlich.

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Picture credits © www.gls.de


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