Es liegt was in der Luft

VON SIMON BERGER

(Veröffentlicht in Das Produktkulturmagazin Ausgabe 1 2014)

Eigentlich war ich mir sicher: mein nächstes iPad wird ein iPad mini ...

Wollte man das iPad Air so knapp wie möglich beschreiben, würde es der Satz „ein großes iPad mini“ wohl am besten treffen. Denn optisch hat das iPad Air mit seinem Vorgänger nicht mehr viel gemeinsam. Apple hat das Design, welches von eloxiertem Aluminium, abgeschrägten Kanten und einem wesentlich schlankeren Rahmen bestimmt ist, auf eine Linie mit dem  iPad mini und dem iPhone 5(S) gebracht. Erhältlich ist das iPad Air in Silber und in dem vom iPhone 5S bekannten Spacegrau.

Den größten Unterschied zu seinem Vorgänger kann man allerdings nicht sehen, sondern muss ihn im wahrsten Sinne des Wortes „begreifen“. Ich meine die 183 Gramm, die das iPad Air im Vergleich zu seinen beiden Retina-Vorgängern weniger auf die Waage bringt. Das iPad Air ist aber nicht nur erheblich leichter, sondern auch 2 mm dünner und 1,6 cm schmaler als das iPad 4. Ich hatte zunächst befürchtet, dass der Rahmen um das Display jetzt zu schmal ist, um das Gerät komfortabel zu halten, und hier mehr Wert auf Optik als auf Gebrauchswert gelegt wird – aber das ist dank des geringeren Gewichts zum Glück nicht der Fall. Es ist nun sogar möglich, das iPad auch über einen längeren Zeitraum ermüdungsfrei mit nur einer Hand zu halten – egal ob hochkant oder im Querformat. Der Komfortgewinn durch das geringere Gewicht ist enorm! 

Möglich wird diese Gewichtsreduktion hauptsächlich durch energieeffizientere Hardware, die es möglich macht, einen kleineren Akku zu verbauen. Die Akkukapazität beträgt jetzt nur noch 32,4 Wh statt 42,5 Wh – was sich zum Glück aber nicht auf die Laufzeit auswirkt. Diese gibt Apple weiterhin mit 10 Stunden an. In diversen Tests schneidet das Air bei der Laufzeit sogar noch etwas besser ab und übertrumpft seine beiden Vorgänger. Positiver Nebeneffekt: Ladezeiten von rund 6 Stunden gehören der Vergangenheit an. Das iPad Air ist in rund 4 Stunden voll aufgeladen.

Natürlich ist das iPad Air auch schneller als all seine Vorgänger: Apple verspricht eine Verdoppelung der Geschwindigkeit. Im iPad Air kommt ebenfalls der aus dem iPhone 5S bekannte A7-Prozessor zum Einsatz. Dabei handelt es sich um einen 64-Bit-Zweikernprozessor, bei dem die Taktfrequenz im Vergleich zum iPhone 5S um 100 Mhz auf 1,4 Ghz erhöht wurde. Diese Erhöhung der Taktfrequenz und weitere kleine Anpassungen sorgen dafür, dass das iPad Air noch mehr Rechenleistung als das iPhone 5S hat. Diverse Benchmarks bestätigen die von Apple versprochene Mehrleistung, allerdings gibt es derzeit nur wenige CPU-lastige Apps, die diesen Geschwindigkeitsvorteil voll ausreizen können. So hat man von der Mehrleistung im Moment „nur“ ein pfeilschnelles Gerät, das alles schneller kann als seine Vorgänger.

Beim Display hat sich im Prinzip nichts verändert. Es handelt sich noch immer um ein 9,7-Zoll-IPS-Display im Format 4:3 mit einer Auflösung von 2048 x 1536 Pixeln, was weiterhin einer Pixeldichte von 264 ppi entspricht. Auch wenn es inzwischen Tablets wie das Nexus 10 oder das Samsung Galaxy Note 10.1 mit einer höheren Punktdichte gibt, bleiben Farbraum, Blickwinkel und Farbtreue unerreicht und machen das iPad-Display zum besten derzeit erhältlichen Tablet-Display. Ein Vorteil von iOS bleibt weiterhin die Vielzahl an Apps, welche auf das größere Tabletdisplay angepasst bzw. exklusiv für das iPad entwickelt sind und bei denen es sich nicht nur um „aufgeblasene“ Smartphone-Apps handelt. Einziger Wermutstropfen: das Display und die oberste Glasschicht sind nicht wie zum Beispiel beim iPhone 5S oder MacBook Pro Retina miteinander verklebt. Das macht Reparaturen zwar einfacher und damit auch günstiger, aber Schwarzwert und Farbbrillanz wären mit einem verklebten Display eben noch besser.

Zum Schutz des Displays gibt es ein neues Smartcover. Auffälligster Unterschied im Vergleich zum alten Smartcover ist die neue Aufhängung, die jetzt der Aufhängung des Smartcovers des iPad mini entspricht. Nutzt man das neue Smartcover als Stütze, steht das iPad nicht mehr ganz so steil, was mir persönlich besser gefällt. Ebenfalls neu sind die aus Leder gefertigen Smartcases, die im Unterschied zum Smartcover Vorder- und Rückseite schützen.

Bezüglich der Soundqualität gibt es zwei Verbesserungen. Das iPad Air verfügt jetzt auch über Stereo-Lautsprecher, die links und rechts neben dem Lightning-Connector angebracht sind. Der Sound ist klarer und lauter, von Bässen aber weiterhin kaum eine Spur. Die zweite Verbesserung ist das zusätzliche Mikrofon, welches dazu dient, Störgeräusche zum Beispiel bei Videotelefonaten besser zu filtern.

Bei den Kameras gibt es keine Verbesserungen, sie entsprechen im Wesentlichen denen des iPad4. Und obwohl sich iPhone 5S und das iPad Air den A7-Prozessor teilen, gibt es auf dem Air keinen Burst-Modus, mit dem die Kamera 10 Einzelbilder pro Sekunde aufnimmt. Auch gibt es keine Möglichkeit, wie auf dem iPhone 5S, Slow-Motion-Videos mit 120 Bildern pro Sekunde aufzuzeichnen. Die besten Kameras einer Generation bleiben weiterhin dem jeweiligen iPhone-Flaggschiff vorbehalten. Die verbauten Kameras sind für Schnappschüsse und Videotelefonie aber mehr als ausreichend.

Apple hat dem Air eine zweite Wifi-Antenne spendiert, was die theoretisch mögliche Bandbreite von 150 Mbps auf 300 Mbps erhöht und die Reichweite verbessert. Das entspricht leider nicht dem neuen 802.11ac–Standard, aber die Bandbreite hat sich trotzdem verdoppelt und die Reichweite hat sich nach meinen Erfahrungen ebenfalls verbessert.

Wie eingangs bereits erwähnt, war ich mir vor der Präsentation des iPad Air noch ganz sicher: „Wenn Apple dem iPad mini ein Retina-Display spendiert, dann werde ich wechseln“. Diese Einstellung hat sich nach 6 Wochen mit dem iPad Air geändert. Es war in erster Linie das Gewicht, das mich an den Retina-Vorgängern gestört hatte. Die Retina-Auflösung möchte ich aber auf keinen Fall missen.

In der aktuellen iPad-Generation hat Apple vieles richtig gemacht. Das iPad mini bekommt ein Retina-Display und die gleiche Technik wie das iPad Air, und das „große iPad“ wird einer so dramatischen Diät unterzogen, dass es sich den Zusatz „Air“ redlich verdient hat. Als Kunde kann man sich nun einfach die für den persönlichen Einsatzzweck passende Displaygröße aussuchen und muss bezüglich der Leistung oder Auflösung keine Kompromisse mehr eingehen. Die Verarbeitung ist auf gewohnt hohem Niveau. Auch fühlt sich das iPad Air trotz geringerem Gewicht und geschrumpften Abmessungen nicht zerbrechlich an.

Zwei Wünsche aber hat mir Apple nicht erfüllt: das Einstiegsmodell ist sowohl beim iPad mini als auch beim iPad Air immer noch mit nur 16 GB Speicher ausgestattet, was ich für nicht mehr ganz zeitgemäß halte. Zumindest nicht zu diesem Preis. Und zweitens: Die von Apple Touch-ID genannte Funktion zum Entsperren des Gerätes via Fingerabdruck hat es noch nicht auf das iPad geschafft, weder auf das neue iPad mini noch auf das iPad Air.

Trotz dieser beiden Kritikpunkte ist das iPad Air das bisher beste iPad und der größte Entwicklungsschritt seit Einführung des ersten iPad 2010. Ich bin gespannt, ob Apple 2014 endlich eines der von CEO Tim Cook angekündigten „other great products that are in categories that represent areas that we do not participate today“ einführen wird und ob es sich dabei um eine von vielen erwartete iWatch oder ein TV-Gerät handeln wird, oder ob uns Apple mit einem völlig unerwarteten Produkt überraschen kann.

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SIMON BERGER

Der Autor ist seit Januar 2012 als Projektmanager im Bereich E-Business bei der Ravensburger AG tätig. Als Besitzer einer eigenen Apple-Entwickler-Lizenz begeistern ihn Technik/Computer/Apple und aktuelle Trends rund ums Internet, die er kritisch verfolgt.

apple.de

Picture credits © Uli Poetsch


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