100 YEARS OF BAUHAUS

100 JAHRE BAUHAUS

Kunst, Design und Architektur der Bauhauszeit begeistern bis heute – auch im fernen Tel Aviv

VON Anja Fahs

(Veröffentlicht in Das Produktkulturmagazin Ausgabe Q2 2019)

Das Bauhaus: eine Idee, die Schule gemacht hat. In Deutschland, aber auch weltweit. Funktionale Gestaltung und modernes Bauen haben eine Epoche geprägt, der Traum eines Gesamtkunstwerks aus Kunst und Kunstgewerbe, Architektur und Design, Tanz und Theater gibt bis heute Impulse – für unser Kulturschaffen wie für unsere Lebenswelten. Das Bauhaus war eine lebendige Ideenschule und ein Experimentierfeld auf den Gebieten der freien und angewandten Kunst, der Gestaltung, der Architektur und der Pädagogik. Das Bauhaus bestand nur 14 Jahre und feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Gründungsjubiläum. Zu Beginn als „Staatliches Bauhaus“ in Weimar, als „Hochschule für Gestaltung“ in Dessau und als private Lehranstalt in Berlin. Seine Ideen wirkten weit über die Schule, ihre Orte und ihre Zeit hinaus.

Entstanden ist es im Kontext der Kunstgewerbebewegung und der Kunstschulerneuerung; und sein Siegeszug begann, als der Architekt Walter Gropius 1919 die Leitung der Weimarer Kunsthochschule übernahm, sie mit der Kunstgewerbeschule zusammenführte und ihr einen neuen Namen verlieh: Staatliches Bauhaus Weimar. Für sein ehrgeiziges Architektur- und Designprojekt zur Gestaltung einer besseren Welt warb Gropius schon früh renommierte Mitstreiter an. Er versammelte an der Schule die Crème der europäischen Avantgarde, darunter Klee, Kandinsky, Fein­inger und Schlemmer.

Mit zahlreichen Veranstaltungen und Aktionen wird das Jubiläum der Bauhaus-Gründung nicht nur in Deutschland gefeiert. Wir wollen uns außerhalb von Deutschland auf seine Spuren begeben, denn neben renommierten Avantgarde-Künstlern und aufstrebenden Jungmeistern wurde das Bauhaus von ganz unterschiedlichen Protagonisten geprägt, darunter mehr als 1.250 Studierende aus 29 Ländern, ihren Freunden und Familien. Wir sind in Israel und spazieren durch die sogenannte „White City“ in Tel Aviv. Hier findet sich die weltweit größte Ansammlung von Gebäuden im Bauhausstil. Dieser Teil der Stadt wurde 2003 zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Zahlreiche strahlend weiße Gebäude blenden uns mit ihrem perfekten Stil des Modernismus und zeigen, wie kreativ und fortschrittlich die Einwanderer nach 1933 in ihrer neuen Heimat Israel bauten. Doktor Micha Gross, Gründer und Leiter des Bauhaus Centers in Tel Aviv, erzählt uns die Geschichte der Bewegung in Israel und wie auch hier das 100-jährige Jubiläum gefeiert wird.

Das Bauhaus wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Was bedeutet dieses Jubiläum für Tel Aviv?

Tel Aviv wird oft auch als Hauptstadt des Bauhauses bezeichnet. Aus diesem Grund ist der 100. Geburtstag des Bauhauses in Deutschland auch für Tel Aviv relevant. Die hiesigen Bauhaus-Gebäude wurden zum großen Teil erst errichtet, nachdem das Bauhaus in Deutschland geschlossen worden war, sie sind allerdings im „Geiste“ des Modernismus des Bauhauses gehalten.

Das Bauhaus ist in Israel sehr umfangreich vertreten. Wie viele Gebäude gibt es in Tel Aviv und wo sonst noch?

In Tel Aviv wurden in den 1930er- und 1940er-Jahren um die 4.000 modernistische Gebäude errichtet. Es gibt auch in Haifa, Jerusalem und in den Kibbuzim eine große Anzahl von Bauhaus-Gebäuden. In Tel Aviv, in der „Weißen Stadt“, befinden sich allerdings die meisten.

Wie kommt es, dass Bauhaus so populär wurde in Israel?

Der modernistische Stil entsprach der Ideologie der Neueinwanderer: fortschrittlich, zukunftsorientiert, praktisch und relativ kostengünstig. Dazu kam, dass in den 1930er- und 1940er-Jahren sehr viele Juden aus Europa nach Palästina flüchten mussten und man für sie neue Häuser erstellen musste. So kam es, dass hier eine ganze modernistische Stadt aus dem Sand wuchs: Wohnhäuser, Schulen, Fabriken, Verwaltungsgebäude, Theaterbauten, Ausstellungsräume, Kioske et cetera, alles im Internationalen oder Bauhausstil.

Wer waren die prägendsten Bauhaus-Architekten für Israel?

Am Aufbau der Weißen Stadt von Tel Aviv waren circa 150 Architekten beteiligt. Von diesen hatten zwar nur ganz wenige am Bauhaus in Deutschland studiert, sie haben aber dennoch die auch am Bauhaus gelehrte modernistische Architektur der Stadt kreiert. Als hervorragenden Architekten kann man bestimmt Erich Mendelsohn nennen, dessen Name schon vor seiner Flucht nach Palästina in Deutschland sehr bekannt war. Berühmt ist in Deutschland der Einstein-Turm, den er in Potsdam errichtete. In Palästina baute er unter anderem das Hadassah-Spital in Jerusalem und die Weizmann Villa in Rechovot. Der Architekt Arieh Sharon hat tatsächlich am Bauhaus in Deutschland studiert und in Tel Aviv Arbeitersiedlungen gebaut, deren Design er am Bauhaus bei Hannes Meyer erlernt hatte. Später hat Sharon den Besiedlungsplan des ganzen Landes geprägt und somit den neuen Staat Israel stark mitgestaltet.

Welche Bedeutung haben das Bauhaus und die Weiße Stadt für Tel Aviv?

In Tel Aviv gibt es rund 4.000 Bauhaus-Gebäude, von diesen steht heute die Hälfte, also circa 2.000 Bauten, unter Denkmalschutz. Die Stadt wird sich ihres architektonischen Erbes immer mehr bewusst, und Renovationsvorhaben werden unternommen. Wenn man heute durch die Stadt spaziert, hat man den Eindruck, als sei man auf einem großen Bauplatz: An allen Ecken und Enden wird renoviert. Die Einwohner der Stadt empfinden die Bauhaus-Häuser als typisch für Tel Aviv.

Die Bauhaus-Architektur konnte sich in Tel Aviv ganz anders weiterentwickeln als in Deutschland. Wo sehen Sie die Unterschiede?

Die modernistische Architektur wird auch als Internationaler Stil oder eben Bauhausstil bezeichnet. Als Leitidee im Modernismus gilt der Funktionalismus: Die Gebäude sollen praktisch und einwohnerfreundlich gestaltet werden. Verzierungen ohne Funktionen sind im Modernismus verpönt. Es sind somit weniger formale, gestalterische Elemente als eben praktische bauliche Lösungen, welche den Stil definieren. Der Unterschied zwischen dem Bauhaus hier und in Deutschland besteht vor allem in den unterschiedlichen Lösungsansätzen, welche durch andere lokale Anforderungen bedingt sind.

Welche weiteren Aspekte haben die Bauhaus-Architektur hier beeinflusst?

Funktionelles Bauen bedeutet in diesem Land vor allem die Anpassung der Architektur an das hiesige Klima. Aus diesem Grund können wir im Tel Aviver Bauhaus sehr viele Elemente finden, welche die Architekten „erfunden“ haben, um die Gebäude den lokalen Bedingungen anzupassen. Dazu gehören die kleinen Fenster, welche vor zu viel Licht und Wärme schützen sollen, die großen Balkone, die man das ganze Jahr hindurch benutzen kann, Betonschürzen, mit denen Schatten erzeugt wird, die Fassadenausrichtungen nach Westen und Osten, um den Wind vom Meer als natürliche Ventilation nutzen zu können et cetera.

Wie können alle diese Gebäude erhalten und bewahrt werden? Das ist bestimmt ein enormer Aufwand für die Eigentümer. Gibt es zum Beispiel spezielle Förderungen vom Staat Israel oder Unterstützung durch die Stadt Tel Aviv?

Tatsächlich sind die meisten Gebäude der Weißen Stadt in privaten Händen. Die Häuser sind teilweise jahrzehntelang vernachlässigt worden. Aufgrund der großen Beliebtheit der Stadt Tel Aviv als Wohnort ist der Wert dieser Gebäude gestiegen, und die Renovation ist lohnenswert. Um die Hausbesitzer indirekt dazu zu verführen, vergibt die Stadt Baurechte. Das heißt wenn die Besitzer daran interessiert sind, ihre Häuser von außen zu renovieren, dürfen sie auf den geschützten Gebäuden eine bis drei zusätzliche Etagen errichten. Durch den Verkauf der neuen Wohnungen wird die Gesamtsanierung des Gebäudes finanziert. Das ergibt eine sogenannte Win-win-Situation: Weder die Hausbesitzer noch die Stadt müssen für die Sanierungen aufkommen, und die Sanierungen können dennoch vorgenommen werden.

Beim Stichwort Bauhaus denken wir vor allem an Gebäude und Architektur. Aber das Bauhaus-Design war ja auch in anderen Bereichen zu finden. Welches sind die wichtigsten Felder für Sie?

Die Moderne zeigt sich auch in einer neuen Grafik, Typografie, Möbeldesign und in veränderten Formen von Gebrauchsgegenständen. Diese Erneuerungen haben unsere Ästhetik nachhaltig verändert und beeinflussen das Design bis heute.

Das Bauhaus Center in Tel Aviv wurde erst im Jahr 2000 gegründet. Was sind Ihre Aufgaben und was wünschen Sie sich weiter zu erreichen?

Bei der Eröffnung des Bauhaus Centers ging es uns vor allem darum, dem lokalen Publikum die Einmaligkeit des architektonischen Erbes vor Augen zu führen. Wir haben auch Künstler und Designer animiert, im Geiste des Modernismus Produkte zu entwerfen. Um unser Ziel zu erreichen, präsentieren wir Wechselausstellungen und geben Publikationen heraus. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich unsere Bauhaus-Touren, welche sowohl mit einem Spezialisten gebucht werden können, wie auch mit einem Audio-Guide möglich sind. Die Touren dauern circa zwei Stunden und werden von einer Filmpräsentation eingeleitet.

Seit der Entstehung des Bauhaus Centers vor 20 Jahren hat sich die Situation der Weißen Stadt massiv verbessert, und wir können mit der Entwicklung wirklich zufrieden sein. Für die Zukunft wünschen wir uns vermehrte Zusammenarbeit hier im Land mit Haifa und Jerusalem und auch international weitere Verknüpfungen mit Institutionen, welche am Modernismus interessiert sind.

bauhaus-center.com

DR MICHA GROSS

Micha Gross, 1959 in Zürich geboren, studierte an der Universität Zürich Psychologie und promovierte 1990 am Technion Haifa, Israel. Im Jahr 2000 gründete er das Bauhaus Center Tel Aviv, zusammen mit Dr. A. Ben-Shmuel und Shlomit Gross. Er veröffentlichte zahlreiche Publikationen zum Thema Bauhaus und ist Sprecher der „Weißen Stadt“ von Tel Aviv auf nationalen sowie internationalen Kongressen.

Picture credit © Sabine Kärger


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